Abstracts der Referate, Inputs und Workshops (aufgelistet entsprechend der Reihenfolge im Programm)

Prof. em. Dr. Christofer Frey: Religiöse Praxis und Menschenbild. Anthropologische Überlegungen zum Verständnis religiöser Praxis und ihrer Ambivalenzen
Im Blick auf das generelle Thema der Konferenz soll(en) die Ethik(en) im Blick auf ihre Leitlinien für das menschliche Leben befragt werden. Die Unterscheidung "Erhaltung vs. Gestaltung" kann in die Problematik einführen: Dem ersten Gesichtspunkt wurden ursprünglich anthropologische, dem zweiten ethische Themen zugeordnet. Dem Themenbereich der Erhaltung gehören u.a. ‚Natur‘, ‚Naturrecht‘ und ‚Schöpfung‘ an. Die Konzepte haben sich jedoch vergeschichtlicht und bedürfen einer Hermeneutik, die von Zielvorstellungen der Ethik angeleitet wird. Diese befasst sich nicht nur mit Normen, sondern mit verhaltenssteuernden Wahrnehmungen der Lebenswirklichkeit (in generellen Situationsdefinitionen). Darum ist die ‚attention‘ vor der ‚intention‘ ein wichtiges Kennzeichen menschlicher Existenz. Sie bedingt eine dynamische Anthropologie, die nicht bei den klassischen Trichotomien stehen bleibt, sondern Ratio, Affekt und Begehren verbindet. In biblisch-theologischer Sicht zeigen diese Situations- und Selbstbezüge jedoch tiefe Widersprüche, die nach der ‚Einheit mit sich selbst‘ (Bonhoeffer zum Gewissen) suchen lassen. Die Theologie sollte deshalb nicht vom Jenseits des Lebens her denken, sondern transzendierende Fragestellungen in der oft so widersprüchlichen Lebenswirklichkeit suchen.

Prof. Dr. Isolde Karle: Körperlichkeit als Thema der Praktischen Theologie
Der Vortrag geht der gleichzeitigen Steigerung von Körperverdrängung und Körperaufwertung in der Moderne nach und eruiert deren Auswirkungen auf die Lebensführung moderner Individuen und religiös-kirchlicher Praxis. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Sexualität, die die in sie gesetzten Erwartungen nach Sinnsicherheit und Identität kaum erfüllen kann. Da die Kirchen traditionell ein gespreiztes Verhältnis zu Sexualität haben, erscheint es umso wichtiger, an diesem Punkt zu einer ethisch und praktisch-theologisch brauchbaren Orientierung zu gelangen.

Prof. Dr. Wilhelm Gräb:„Religion, ein Angelegenheit des Menschen“ (Johann Spalding, 1797)
Aufgeklärte, zeitgenössische Theologie macht das Menschsein des Menschen nicht von der Akzeptanz theologischer Setzungen abhängig, sondern erklärt, weshalb es dem Menschen guttut, wenn er sich religiös versteht. Den Sinn der Religion sieht aufgeklärte Theologie darin, dass sie uns Menschen eine Würde zukommen lässt, die wir uns nicht erwerben müssen, die wir deshalb aber auch nie ganz verspielen können. Religion ermöglicht eine Art zu leben, die durch Gelassenheit, Freimut und Dankbarkeit gekennzeichnet ist. Was das für die christliche Religion heißt, kann mit Bezug auf die evangelischen Rechtfertigungslehre deutlich gemacht werden. 

Prof. Dr. Joachim Bauer: Was ist der Mensch? Anthropologische Perspektiven aus neurobiologischer Sicht
Als neurobiologisch verankertes Grundmotiv des Menschen stellte sich das Bedürfnis nach Zuwendung, sozialer Akzeptanz und Zugehörigkeit  heraus. Dies bedeutet allerdings keineswegs, der Mensch sei "gut". Eine Voraussetzung für Beziehungskompetenz bildet die Fähigkeit zur Empathie, deren Grundlage durch das System der Spiegelnervenzellen gebildet wird. Zur prosozialen Orientierung des Menschen bedarf es jedoch mehr als lediglich zu fühlen was andere fühlen.

Pastor Thomas Hirsch-Hüffell: Gottesdienst und geistliche Körper - eine Erkundung andhand liturgischer Vollzüge
Im Gottesdienst zeigt sich alles: die Kirche, der Mensch und was klemmt. Man merkt es an den Formen und Körpern intuitiv und an den Texten explizit. Wir probieren in Zeitlupe konkret liturgische Passagen und fragen nach ihrer Wirkung: Was lässt aufatmen, was macht eng? Und woran liegt es jeweils, dass es so ist? Am Menschenbild? An der Stimme? An Gott?
Eine Gelegenheit neu ins Innere geistlicher Vollzüge zu schauen.

Dr. Annette Müller: "Was will ich, und wie hindere ich mich daran, dies zu erreichen?" Geschichten von Kühnheit und Selbstsabotage
Dieser Schreibworkshop eröffnet einen Experimentierraum, um Erfahrungen, Beobachtungen, Reflexionen und Fiktionen Ausdruck zu verleihen. Ziel ist es, mit Hilfe kreativer Schreibmethoden Miniaturen zu komponieren, die das Kontinuum zwischen Freiheit und (Selbst-) Beschränkung ausleuchten. Eine freiwillige Präsentation der entstandenen Werkstücke ist vorgesehen.

Dr. phil. Andreas Mussenbrock: Die Frage nach dem Sinn von Sein neu stellen - Möglichkeiten und Grenzen einer daseinsanalytischen Fragestellung
„Der Zuspruch des Feldweges ist jetzt ganz deutlich. Spricht die Seele? Spricht die Welt? Spricht Gott?“ - Mit diesen drei Fragen variiert Heidegger in seiner kurzen Schrift „Der Feldweg“ die zentrale Frage seines Denkens, nämlich die „Frage nach dem Sinn von Sein“. Der Workshop richtet sich an all jene, die bereit sind, sich auf den Feldweg zu begeben und sich von seiner Frage nach dem Sinn von Sein als einer Frage nach Gott, Welt und Mensch mitnehmen zu lassen.

Dr. med. Dr. Phil. Dr. phil. h.c. Ronald Grossarth-Maticek: Gottesbeziehung, Gesundheit und Innovation. Die religiösen Auswirkungen auf das menschliche Leben. Ergebnisse aus prospektiven Interventionsstudien
Eine liebevolle Gottesbeziehung hat in unterschiedlichen Lebensbereichen eine große Auswirkung auf Gesundheit, komplexes Denken, die kreative Problemlösungsfähigkeit. Sie stimuliert Humanismus, Liebe zu Mensch und Natur, die allgemeine Toleranz, Versöhnlichkeit. Diese Eigenschaften stehen im Widerspruch zu einer schuldzuweisenden, intoleranten Auslegung der Mensch-Gott-Beziehung.
Aus unterschiedlichen, von uns durchgeführten prospektiven Studien, an ca. 38.000 Männern und Frauen, von 1973 bis 2007, wurden im Rahmen einer multidisziplinären Präventivmedizin auch Faktoren aus der Mensch-Gott-Beziehung erfasst.

Prof. Dr. Bent Flemming NielsenKörpervergesslichkeit? Eine Frage an protestantisches Religionsverstehen.
Das reformatorische Insistieren auf der Innerlichkeit des Glaubens hat – in Zusammenhang mit einer tief ererbten Skepsis gegenüber Ritual und Magie – zu einer regelrechten Körpervergessenheit innerhalb protestantischen Selbstverständnisses geführt. Nichtsdestotrotz ist es jedoch unbestreitbar, dass der Körper eine nicht dispensierbare Rolle in der konkreten liturgischen Praxis spielt. Ausgehend von dem Riss zwischen Theorie und Praxis möchte der Vortrag den Versuch unternehmen, anthropologische und ritualtheoretische Vorschläge für eine Korrektur der herkömmlichen Sichtweise zu machen.

Dr. Gunnar KristjánssonDie religiöse Bedeutung der Natur in der lutherischen Glaubenskultur Islands.
In der Glaubenskultur Islands sind verschiedenen Komponenten miteinander verflochten. Zunächst ist Island eine Insel, deren Einwohner sehr engen Kontakt mit dem Meer gehabt haben. Dasselbe gilt auch für die Beziehung der Isländer zum Land. Darüber hinaus wurde die Glaubenserfahrung der Isländer durch das Luthertum geprägt. Noch heute wird die religiöse Erfahrung der Isländer durch beides, die Natur und das Luthertum, beeinflusst. Der Vortrag erörtert, auf welche Weise das geschieht.

Bischof Dr. Michael Bünker: Evangelisches Brauchtum in Österreich
Vieles von dem, was im Leben einer Gemeinde praktiziert wird, lässt sich auch als Brauchtum beschreiben. Die persönlichkeitsprägende und gemeinschaftsstiftende Funktion des „Brauches“ ist in den evangelischen Gemeinden in Österreich an verschiedenen Beispielen zu erkennen. Es ist lohnend, die theologische Relevanz dieses weithin unbeachteten Phänomens zu prüfen.

Univ.-Prof. Dr. Wilfried Engemann: Als Mensch zum Vorschein kommen. Anthropologische Implikationen religiöser Praxis
In der religiösen Praxis des Christentums geht es im Kern um das Menschsein des Menschen. Daher sollte Menschen im Zusammenhang ihres Glaubens nichts zugemutet werden, was sich gegen ihr Menschsein richtete oder es ihnen zum Vorwurf machte. Glauben schließt vielmehr Erfahrung ein, als Mensch zum Vorschein zu kommen. Er ist eine Kategorie leidenschaftlichen Menschseins. In der christlichen Glaubenskultur wird jedoch manchmal den Eindruck vermittelt, man stünde vor der Alternative, entweder ganz Mensch oder religiös zu sein. Der Vortrag markiert anthropologische Brennpunkte religiöser Praxis und fragt nach den Konsequenzen für eine zeitgenössische Theologie und Kirche.

"Menschsein und Religion" - Kongress des Instituts für Praktische Theologie und Religionspsychologie | Universitätsring 1  | 1010 Wien